Fantasy – aber bitte mich echten Charakteren

Heute darf ich den Startschuss für eine ganz besondere Reihe geben: Phantastische Realität. Die Zusammenfassung findet ihr bei Meara Finnigan unter diesem Link. In dieser Reihe beschäftigen wir uns damit, wie Fantasyromane reale Problematiken aufgreifen. Da ich mehr oder weniger meine Webseite unter genau diese Thematik gesetzt habe, musste ich da natürlich mitmachen. Daher darf ich euch heute erstmal ganz allgemein etwas über die Figuren in Fantasyromanen erzählen.

People in magical worlds still dealt with real-life problems. They usually just had bigger ones on top of that.

(Zitat aus Far beyond Reality – Janna Ruth)

Hinter der Magie

Du schreibst Fantasy? Aber das ist doch alles ausgedacht und nicht echt. Schreib doch mal was Richtiges! So oder so ähnlich sind manchmal die Reaktionen, wenn ich erzähle, dass ich Fantasy schreibe. Natürlich sind die fantastischen Welten ausgedacht und natürlich gibt es in unserer Realität keine Magie und auch keine Elfen, Zwerge oder Dämonen. Aber die Geschichten dahinter, die Figuren da drin, die sind genauso echt, wie du und ich.

Vorbei sind die Zeiten, in denen Herkules souverän eine Tat nach der anderen vollbracht hat oder strahlende Ritter ohne jeden Zweifel für Gerechtigkeit eingestanden sind. Heute will man mehr von den Figuren. Als Leser wollen wir darüber lesen, welchen Herausforderungen sich der Held stellen muss. Wir wollen lesen, wie sich sein Charakter durch die Erfahrungen verändert, wächst! Wir wollen ihn auf seiner Heldenreise begleiten, wenn er seine Ängste überwindet, seine Unsicherheiten ablegt und sich seiner Vergangenheit stellt. Der epische Kampf um die Welt ist dabei oft nur der Popcornzuschlag.

Herkules

Herkules‘ Sieg gegen den Zentauren – (C) Pixabay

Der Charakter als Produkt seiner Umwelt

Wenn ich meine Figuren entwerfe, dann entstehen sie nicht in einem luftleeren Raum. Zuallererst ist da die Gesellschaft. Welche Rechte haben Männer und Frauen? Welche Rolle spielt Religion? Gibt es eine Klassengesellschaft, Fremdenfeindlichkeit oder Pressefreiheit? All diese Entscheidungen, die ich beim Weltenbau treffe, muss ich schließlich bei der Entwicklung meiner Figuren beachten. Ich kann meine Figuren nicht mit einem patriarchisch geprägten Grunddenken ausstatten, wenn sie aus einem Land kommen, dass seit über fünf Jahrhunderten die absolute Gleichberechtigung praktiziert.

Natürlich gibt es immer wieder Ausnahmen: Leute, die sich gegen das System auflehnen oder absolute Ekel mit radikalen Ansichten. Schon oft gab es in der Fantasy die Geschichte von dem Aufstand, dem Ausbruch aus Konventionen und der damit verbundenen modernen Entwicklung einer oft mittelalterlich geprägten Welt. Was ich aber richtig spannend finde, ist, wenn man versucht die Figuren innerhalb des Systems zu entwickeln. Gerade, wenn das System nicht dem unserer Moderne entspricht, stellt sich für mich immer die Frage: Wie würde so ein Mensch (oder Elf) innerhalb der Gesellschaft agieren?

Nach der Gesellschaft steht dann meistens das persönliche Umfeld. Das kann die Familie sein, die Freunde oder auch das ganze Dorf. Wir kennen es ja alle. Manche Ansichten haben wir von unseren Eltern übernommen, andere genau deswegen abgelehnt. Wieder andere haben wir nach langer Prüfung für uns abgewandelt. Und genauso muss auch bei der Entwicklung einer Figur darauf geachtet werden, mit welchen Werten und Erfahrungen er konfrontiert wurde. Dabei entwickelt sich natürlich jeder Mensch individuell.

Meine Figuren so zu entwickeln, dass jede Entscheidung, die sie später treffen, sich logisch aus ihrem Charakter ableitet, macht mir fast am meisten Spaß in meinen Geschichten.

Fantasy als Experimentierlabor

Häufig gibt uns die Fantasyliteratur die Mittel, den menschlichen Geist zu erforschen. Hier können wir an den Grenzbedingungen unserer Welt drehen. Wir können uns fragen, was das für Auswirkungen hätte, wenn man ewig lebt wie die Elfen bei Tolkien? Wir können uns aber auch fragen, wie man damit klar kommt, dass nächtlich die Dämonen bei uns einfallen wie bei Peter V. Brett’s „Painted Man“?

In der Fantasy haben wir dieses riesige Labor, in dem wir Menschen an ihre Grenzen bringen können. Wie kommt man mit der Verantwortung klar, wenn man der Auserwählte ist oder noch schlimmer, derjenige, der die Welt vernichten wird? Wie entscheidet man sich, wenn Pflicht und Familie sich nicht vereinbaren lassen? Und natürlich ist das auch der Grund, warum wir gleich ganze Völker entwerfen, die ganz andere Voraussetzungen als Menschen haben.

In den Zeichen der Macht, meiner Urban Fantasy Serie, beschäftige ich mich extensiv mit den Dämonen. Diese unterscheiden sich von den Menschen natürlich durch ihre magischen Fähigkeiten, aber noch mehr durch ihre Weltanschauung. Meine Dämonen lieben die absolute Freiheit. Menschliche Moral ist für sie eine selbstauferlegte Fessel. Vernichtungskriege, die sich eine ganze Gruppierung/Volk/Rasse vornehmen, sind ihnen jedoch völlig fremd, da für sie nur das Individuum zählt. Mit dieser anderen Ausgangslage herum zu experimentieren, dabei die interne Logik nicht außer Acht zu lassen, macht nicht nur eine Menge Spaß, sondern erweitert auch den Horizont in Hinblick auf andere Kulturkreise.

Melchius aus Zeichen der Macht

Eine frühe Zeichnung von Melchius als Dämon – Zeichen der Macht, Staffel 1

Das reale Innenleben der fantastischen Figuren

Es ist kein Geheimnis, dass meine Geschichten sehr stark auf die Figuren ausgelegt sind. So ist mein „strahlender Ritter“ in Ravenblood nicht etwa deshalb so interessant, weil er rechtschaffend gut ist und die moralisch richtigen Entscheidungen trifft, sondern, weil er damit kämpft, wie schwer es ist, in seiner Welt gut zu bleiben und wie schwer ist es, an seinen Prinzipien fest zu halten. Und sind es nicht gerade, die schrecklich zerbrochenen Charaktere, die noch immer von ihren inneren Dämonen heimgesucht werden, welche uns faszinieren?

Ich selber geh dann oft noch einen Schritt weiter. Denn allzu oft neigt man in der Fantasy dazu, schwere Traumata schnell zu überwinden. Besonders oft begegnet mir das im Rollenspiel. Da hat dann der ehemalige, völlig eingeschüchterte Sexsklave innerhalb von zwei Wochen die große Liebe gefunden, mit der natürlich ordentlich gevögelt wird. Überhaupt wird gerne eine dramatische Hintergrundgeschichte entworfen, die aber dann nur Geschichte bleibt.

Ich versuch das anders zu machen. Meinem Held aus Ravenblood gelingt es erst am Ende des vierten und letzten Bandes wirklich über das traumatische Erlebnis aus seiner Jugend hinweg zu kommen und sich davon zu befreien. Wenn meine Figuren in den Krieg ziehen, dann müssen sich manche von ihnen auch mit posttraumatischen Belastungsstörungen herum schlagen. Und auch um andere psychologische Krankheiten mache ich keinen großen Bogen. Genau genommen, möchte ich sogar behaupten, dass es langsam eine Art Markenzeichen von mir wird, dass ich mich in meinen Geschichten mit solchen Beeinträchtigungen auseinander setze und sie hin und wieder mal ins Spotlight packe.

Rise of the Raven

Rise of the Raven, Book 3 of Ravenblood

Und genau solche Figuren und Geschichten suche ich auch als Leser in der Fantasyliteratur. Aber …

Was macht eigentlich so einen echten Charakter aus?

Auch wenn die Figuren in Fantasyromanen oft mit übernatürlichen Problemen zu kämpfen haben, stecken dahinter doch die gleichen Grundproblematiken, mit denen wir uns tagtäglich herum schlagen. So stellt sich der Held oft genug die Frage, ob er überhaupt gut genug ist. Häufig bedeutet die Bedrohung der Welt ja auch nicht, dass es keine internen Probleme für die Figuren gibt. Auch der Auserwählte muss sich mit Eifersucht, Rachegefühlen, Unsicherheiten und Ängsten herumschlagen. Und wenn diese Figuren endlich ihren inneren Konflikt bewältigt haben, dann bewegt mich das deutlich mehr als der Sieg über den dunklen Magier.

Denn es sind diese Schwächen, diese Einblicke ins Seelenleben, die dazu führen, dass wir mit den Figuren mitfiebern, dass wir mit ihnen leiden und sie im Kampf gegen das Böse anfeuern. Schlussendlich identifizieren wir uns genau wegen dieser Echtheit der Gefühle und Herausforderungen mit den Helden, während wir gleichzeitig von der Magie unterhalten werden.

Weiter geht es in der Reihe mit folgenden Themen:

21. Februar: Rauch und Spiegel – Lichte Orks und schattierte Elfen

22. Februar: Atir Kerroum – „Paenitemini et credite Evangelio! Wie das Imperium Romanum zur Dystopie wurde“

23. Februar: Christian Rieß – Braucht die Welt eigentlich noch Helden?

24. Februar: Alessandra Reß – Requiem für den Relativismus

25. Februar: Meara Finnigan – Military Fantasy und die Entglorifizierung des Kriegs

26. Februar: Möchtegerns Autorenblog – Blutgeld und Revolutionen – Gedanken um Fantasy und Konsum

27. Februar: Claudia Mayer – Jugendliche im Generationenkonflikt am Beispiel von Dystopien

28. Februar: Guddy Hoffmann-Schoenborn von Fried Phoenix – Rassismus – der stille Antagonist

01. März: Manya Siber – Queer times, queer folks, queer books

02. März: Das Gaiety Girl – Queere Literatur im historischen Roman

03. März: Hummingbirdsoul – Team Why not Both?! – Liebesbeziehungen & Polyamorie in der Phantastik

04. März: Bei mirUmweltschutz: Erhabene Naturvölker, sprechende Bäume und der Konflikt mit der Zivilisation

05. März: Weltenpfade – Masken in Fiktion und Realität

06. März: Elea Brandt – Depressive Drachentöter – psychische Störungen in der phantastischen Literatur

07. März: Sasche Raubal – Verschwimmende Grenzen – Wie Phantastik und Realität einander beeinflussen

08. März:  Meara Finnegan – Das kenne ich doch irgendwo her! – Historische Ereignisse in Fantasyromanen

09. März: Eva-Maria Obermann – Geschlechterrollen in der Fantasy

10. März: Atir Kerroum – Sauron im Kreml

11. März: Ist das noch eine Dystopie? Wenn die Wirklichkeit die Fiktion einzuholen droht

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5 thoughts on “Fantasy – aber bitte mich echten Charakteren

  1. „Du schreibst Fantasy? Aber das ist doch alles ausgedacht und nicht echt. Schreib doch mal was Richtiges!“ Die Aussage habe ich schon häufig gehört – allerdings immer nur aus Erzählung. Interessanterweise hat mir das noch niemand direkt gesagt. Ich sehe es nämlich genauso, die Geschichten und Figuren hinter unseren Texten sind genauso echt – oder sollten es zumindest sein – wie wir. Deshalb ist Fantasy für mich genauso „richtig“ wie jedes andere Genre auch.

    Bei der Überwindung von Traumata muss ich dir zustimmen. Da möchte ich in Zukunft beim Schreiben selbst besser drauf achten, dass es nicht zu schnell geht. Danke für den Gedanken.

    Insgesamt finde ich, dass du schön die Aspekte der Charaktere zusammen fasst. Für mich zwar kaum Neues, aber da ich selbst mich intensiv mit dem Thema befasse, wundert mich das nicht. Allerdings merke ich, dass ich meine Charaktere kaum plane. Meistens erwachen sie beim Schreiben selbst zum Leben. Vermutlich liegt es daran, dass ich entdeckend schreibe und selten plotte.

    Deine Dämonen klingen spannend. Vor allem, dass bei ihnen nur das Individuum zählt. Also würden sie eher Mord begehen, als einen Krieg anzetteln?

    Alles Liebe dir
    Eluin

    • Bei der Planung der Charaktere kommt es immer drauf an. Manche entstehen einfach, aber sie entstehen, weil sie in die Welt passen und erst beim weiteren Plotten entstehen so die kleinen Querverbindungen, bis am Ende das ganze Gewebe von Welt, Gesellschaft und Charakter so dicht ist, dass das eine nicht ohne das andere funktioniert.

      Zu den Dämonen: Exakt. Sie morden eher (und relativ häufig – Gesetz des Stärkeren und so), aber Kriege sind ihnen immer etwas suspekt, vor allem Kriege innerhalb der eigenen Rasse. Der Krieg Engel gegen Dämonen (jetzt in Staffel 6) ist auch eher ein von den Engeln ausgehender Konflikt. Die Dämonen haben nur keine Lust, sich in ihrer Freiheit einschränken zu lassen.

  2. Das kann ich alles nur unterschreiben. Wenn ich lese, fallen mir oft Settings und Figurenansätze auf, die vielversprechend wären, wenn man sie nur konsequent bis zum Ende durchdenken würde.
    Aber oft schiebt sich der Plot mit der großen Endschlacht am Ende in den Vordergrund, wodurch die Charaktere zusehends ins Hintertreffen geraten. Und die interessanten Ansätze werden gerade bei Figuren – wie du schon sagtest – zu schnell überwunden, statt sie zu echten Hindernissen zu machen und ein wenig à la „Slow cooking“ zu schreiben…
    Ich erwische mich ja selbst bei meinen Rohfassungen oft bei zu hastigen Sprüngen, aber daran arbeite ich. Und versuche permanent, die letzte Konsequenz aller Voraussetzungen zu entdecken.
    Toller Blogpost!

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